Wieland

Wieland –von Kerstin Specht-

Uraufführung am 21.3.03 – Städtische Bühnen Münster-

Liebe verleiht Flügel

Theater: Stolze Recken und blondes Gift im Jugend-Abenteuer „Wieland“

Man hat schon seine Last mit den Prinzessinnen. Bathilde ist da keine Ausnahme. X-beinig stöckelt die Schöne daher und stopft sich dauernd Äpfel in den Mund, die sie bei der geringsten Aufwallung von Ärger über die Bühne spuckt. Gewiß, ihr güldenes Haar ist prachtvoll, aber genauso falsch wie ihr Charakter. Wieso um alles in der Welt verliebt sich der Schmied Wieland in sie? Weil das im Märchen nun mal so ist. Und weil das nach der Sagen-Vorlage entstandene Kinderstück „Wieland“ von Kerstin Specht ohnehin mehr auf zünftige Spannung als auf ausgefeilte Psychologie und Moral setzt. Daß die Uraufführung in Münsters kleinem Haus dennoch kribbelte, war vor allem der Einsatz der Schauspieler und dem Witz der Regisseurin Christina Böckler zu verdanken. Wieland (Josef Wolf als Recke mit Herz) will sich den Zauberreif wiederholen, den ihm der aalglatte König Nidung geraubt hat. Doch bei Hofe verfällt er der Prinzessin (Angela Meyer). Nachdem der Herrscher ihn nach Strich und Faden für seine kriegerischen Zwecke ausgenutzt hat, läßt er ihm die Fußsehnen durchtrennen und verbannt ihn auf eine Insel. Doch der kunstfertige Wieland schmiedet sich Flügel – und nun erkennt auch Bathilde sein gutes Herz und folgt ihm. Dieses pathetische Happy End kommt ein wenig unmotiviert, ebenso wie eine fade Wilhelm-Tell-Nummer, bei der Wielands Bruder Eigel (Thomas Schweins) seinem Sohn (Christoph Römer) auf Befehl des Königs einen Apfel vom Kopf schießen muß. Aber das höfische Intrigenspiel zuvor hat Klasse. Johannes Paul Kindler trifft als eleganter König – Kostüme: Friederike Höpker- genau die Mitte zwischen Ernst und Parodie, zwischen dem Gefährlichen und dem Anziehenden der Macht. Ein jugendgerechter Appell zur Wachsamkeit. Ebenso überzeugend bewältigt die Regisseurin die Gewalt-Szenen des Stücks. Nichts wird wirklich gezeigt, aber alles wirkt dennoch abstoßend. Besonders ein Aufmarsch furchtsamer Soldaten in einem finsteren Wald aus Stoffbahnen (Bühne: Anna Kirschstein mit viel Effekt) weckt angesichts der realen Weltlage Albträume. Die phantasievolle Live-Musik von Jegor Wyssotzkij nimmt diese Stimmungen perfekt auf. Daß Wieland seinem Konkurrenzschmied bei Hofe im Duell den eisernen Kopfhelm samt Inhalt spalten muß, fanden die Kids allerdings „cool“. Ansonsten hielt das Publikum, das vor Beginn der Aufführung in lautester Stimmung zu sein schien, 70 Minuten lang mucksmäuschenstill durch. Ein schöneres Kompliment hätten sich die Künstler nicht wünschen können. –

( Manuel Jennen- Münsteraner Zeitung)