Schwedische Schliche
Meisterdetektiv Kalle Blomquist und seine Freunde jagen im THEATER Oberhausen Ganoven - ein Weihnachts-Action-Kinder-Krimi
Sein Dietrich heißt Marlene. Den ominösen Koffer, den er anschleppt hütet er wie seinen Augapfel. Und er bringt sogar eine Knarre mit ins kuschelige Kleinköping: Onkel Einar hat ganz bestimmt Dreck am Stecken, da ist Kalle Blomquist sich sicher- auch wenn das Blut, das er mit seiner Lupe entdeckt, erst mal nur vom eigenen Daumen stammt. Was der Onkel von Kalles Freundin Lotta verbrochen hat, das müssen der Junge und seine Freunde noch ungefähr 60 Mal herausfinden: Regisseurin Christina Böckler schickt seit Freitag am Theater Oberhausen Astrid Lindgrens "Meisterdetektiv Kalle Blomquist" auf Ganovenjagd. Weihnachtsmärchen ist das falsche Wort für diese Inszenierung: Das ist ein Weihnachts-Action-Krimi, der da mit Witz und Liebe zum Detail über die Bühne tobt. Dabei fängt alles so harmlos an: Kalle (schön altklug: Aljoscha Langel), Lotta und Anders langweilen sich. Die Sommerferien haben angefangen, es ist rein gar nichts los, da gründen die Drei erst mal einen Zirkus. Doch das Kunststück, dem so argwöhnisch wie verdächtigen Einar (mit wunderbar schmieriger Präsenz: Antonio Lallo) einen Fingerabdruck abzunehmen, mißlingt. Sie kommen ihm trotzdem auf die Schliche, noch bevor sie Bekanntschaft mit seinen kriminellen Kumpanen (fabelhaft fies und flach: Sebastian Nakajew und David Gruschka) gemacht haben: Sie finden den Koffer mit geklauten Juwelen im Versteck in der Burgruine. Daß die Stimmen der Schauspieler im alten Gemäuer plötzlich hallen, ist nur eines der schönen Details dieser Inszenierung. Das Oberhausener Kleinköping (Bühne: Daniel Roskamp) ist eine so romantische Landschaft, daß man am liebsten gleich reinlaufen möchte - mit viel schwedisch-saftigem Grün, einem Teich, aus dem auch eine Baß spielende Seerose wächst und dem Karnickel Herrn Ericsson, für dessen hektisches Hoppeln eine eigene Bewegungsprobe angesetzt war. Der Ort ist idyllisch, Lindgrens Handlung manchmal ganz schön heftig- mit blutigen Nasen beim Bandenkrieg zwischen der Weißen und der Roten Rose, Pistolen-Rumgefuchtel und einer veritablen Autoverfolgungsjagd. Das ist eine spannende Abwechslung zu den märchenhaften Familienstücken zur Weihnachtszeit. (Monika Idems- NRZ)
Im bunten Märchenland der Phantasie
Kalle Blomquist schaukelt auf der Hängematte und singt vom spannenden Dasein eines Meisterdetektivs. Aber zu dumm, er lebt in der schwedischen Provinz, wo es für "Profis" wie ihn absolut nichts zu tun zu geben scheint. Daniel Roskamp hat für die Inszenierung von Astrid Lindgrens Kinderbuch-Klassiker am Theater Oberhausen die Bühne in eine phantasievolle Wasserlandschaft mit Seerosen verwandelt, durch die sich ein schmaler Weg schlängelt. Am linken und am rechten Bühnenrand angedeutet: die beiden grasbewachsenen Holzhäuser, in denen Kalle, bzw. seine Freundin Eva-Lotta wohnen. Allein diese traumhaft schöne, Ruhe und Frieden ausstrahlende Szenerie macht deutlich, daß hier keine Geschichte aus dem Hier und Jetzt erzählt wird. Regisseurin Christina Böckler entführt die Zuschauer vielmehr in eine heile Welt, in der es Gewalt nur als vage Vorstellung gibt, in der die Jugendlichen zwar vom Töten sprechen, sich aber nur harmlose Boxkämpfe und Schwertgefechte liefern. Eine Welt, in der sich Kalle schon beim Bleistiftanspitzen mit dem Messer in den Finger schneiden muß, damit einmal Blut fließt. Dafür sind die Heranwachsenden in jener Welt, in der sie nicht ständiger optischer und akustischer Reizüberflutung ausgesetzt sind und sich ihre Freizeit nicht verplanen lassen, noch mit Phantasie begabt. Das achtköpfige Schauspielerteam um den sympathischen Aljoscha Langel als Kalle, musikalisch begleitet von Volker Kamp am E-Bass, gibt sich jugendlich ausgelassen, zeichnet die Figuren differenziert nach und bringt die Geschichte gut rüber. Spannung ist wohldosiert. Vor allem darf viel gelacht werden, wobei die Späße erfreulich geistreich sind, nicht slapstickhaft oder klamaukig. Kurz: eine Vorstellung, bei denen Kinder und Erwachsene gleichermaßen auf ihre Kosten kommen. (Klaus Stübler- Ruhr Nachrichten)
Unterwelt in der Idylle
Was für ein Provinzkaff dieses Kleinköping in Schweden. Viel Idylle, viel Gegend, eine Backstube, ein Lebensmittelgeschäft, im Hintergrund ein altes Schloß. Und hier soll man als Spürnase zu Ehren kommen. Aber klar doch. "Meisterdetektiv Kalle Blomquist" macht es vor, und das Publikum ist weitgehend und zu recht schon nach der Premiere begeistert. Zu schön aber auch inszeniert Christina Böckler Astrid Lindgrens wunderbare Krimigeschichte um den 13-jährigen schwedischen Jungen, der sich in seinen detektivischen Träumen immer wieder in Chicago oder in Soho wähnt, wo die Halbwelt die ganz große ist. Und wenn er seine Nase dann spüren läßt in seiner Phantasie, schmaucht er ganz wie der große Sherlock Holmes ein Pfeifchen und hat allerlei in seinem Trenchcoat à la Columbo. In Wirklichkeit aber hat er Ferien, spielt Zirkus- in einer artistisch schnuckeligen Szene zeigt sich "Anders" Tobias Junglas als begabter Jongleur- mit seinen Freunden von der Weißen Rose oder kämpft mit ihnen gegen die Rote Rose. Bis Onkel Einar kommt, eine zwielichtige Gestalt mit einem geheimnisvollen Koffer. Kalle riecht einen dicken Fall, kommt einer Juwelenbande auf die Spur und bringt sie nach abenteuerlicher Fahndung zur Strecke. Die Regisseurin bleibt in der Mitte der 40er Jahre. Bei der Textfassung von Möbius bedient sie sich immer wider Sequenzen aus der klassischen Romanvorlage. Ihre Protagonisten tragen in Daniel Roskamps wunderschön kunterbunt mit dominantem Grün eingefärbter schwedischer Provinzidylle kurze Hosen und Kleidchen. Die Polizei in Stockholm wird nicht angemailt, sondern per Post angeschrieben, es gibt auch noch keinen genetischen Fingerabdruck und die Tür zum finsteren Schloßkeller knackt man nicht mit einer Telefonkarte, sondern mit "Marlene", einem Dietrich. Zwar wird gefochten und auf der herrlich grotesken Verfolgungsjagd nach den Juwelenräubern auch mal geschossen, aber Action ist wohl dosiert, immer wieder von ruhigen Sequenzen mit musikalischen und choreographischen Elementen durchwebt. Und es agiert bei diesem zauberhaften Krimi-Vergnügen für die ganze Familie ein rundum begeisterndes Ensemble. (Michael Schmitz- WAZ)