Bettys Sommerfrische

BETTYS SOMMERFRISCHE - Premiere am 31.1.03- Theater Oberhausen-

Schattenseiten am Strand

Die rabenschwarze Theater-Komödie „Bettys Sommerfrische“

Im kalten Winter entführt das Oberhausener Theater in „Bettys Sommerfrische“ . Und Christopher Durangs rabenschwarze Komödie kommt dann auch ebenso fröstelnd wie heiß daher.

Drei Aquarien, etwas Schilf im Hintergrund, etwas Sand vorne an, ein Sessel, ein Kühlschrank. Gesine Kuhn hat das Studio als maritime Kulisse und schmuckloses Ferienhaus ausgestattet. In diesem Domizil sucht Betty Ruhe von der Hektik der Großstadt. Hätte sie nur ihre Freundin Trudy nicht mitgenommen. Die plappert ununterbrochen. Und beide, die Stille wie die Wortgewaltige, suchen eigentlich einen Mann. Die eine sanft fordernd, die andere offensiv anbaggernd. Männer gibt`s im Haus gar derer drei. Buck, der immer will und meint, es jedem um die Ohren schlagen zu müssen, Mr. Vanislaw, der in seinem Naturell den Exhibitionisten wie den Voyeur paart, und Keith, der introvertiert auf seinem Zimmer wie ein Menschen-Metzger Köpfe abschneidet. Und da die ehemalige Eigentümerin Mrs. Seismograf als Feriengast in ihr Haus zurückgekehrt ist, könnte eigentlich jede einen abkriegen. Daraus wird nichts, denn die Idylle wird zum Schauplatz seelischer und körperlicher Massaker. Frau/Mann zerfleischen sich bis zum Exzeß, als der „Exhi“, der Trudy vergewaltigt hat, erst entmannt und dann geköpft wird. Der Fall kommt vors Fernsehgericht. Durang geißelt seine Kritik an einer von Medien vergewaltigten Gesellschaft auf ebenso derbe wie humoresk böse Art. Reality-TV, Comedy, Gefühlsbrimborium. Und Regisseurin Christina Böckler schafft das Kunststück, aus einem zwar hübsch häßlichen, aber nicht gerade umwerfenden Text ein Theaterereignis zu bauen. Grausig schön, wenn Stimmen aus dem All der Sensationsgier immer neue Brutal-Events fordern und die Protagonisten nicht aus dem lustigen und lustvollen Martyrium entlassen. Das Ensemble belichtet die Schattenseiten am Sonnenstrand wunderbar. Imke Trommler gestaltet einen frappierenden Wandel von Plappermaul zur gequälten Seele, Regine Hochmeister überzeugt als Mrs. Seismograf und Mutter Trudys vor allem in den Sequenzen, als sie den Mißbrauch der Tochter sozusagen als Kavaliersdelikt abtut. Oleg Zhukovs Keith ist eine menschlich undurchdringliche Mauer, wie sie selbst im Kreml nicht dichter sein kann, und Martin Skoda ist als Buck – mit Verlaub- affengeil. Zwei Menschenbildnisse der besonderen Art. Hier Günter Alt als Vanislaw, der seine Gelüste auszieht und dann auch auslebt. Dort Verena Bukal, die der Betty alle Facetten eines leise schmachtenden Herzens gibt. Ja, ja, das Leben ist ein Riesenspaß in dieser zivilisierten Welt. Hallo Postman. (Michael Schmitz –WAZ- )

BETTYS SOMMERFRISCHE

Manipulation

TV-Karikaturen in Oberhausen bei „Bettys Sommerfrische“

Bettys Sommerfrische am Meer ist von Beginn an alles andere als märchenhaft. Nicht nur daß ihre Freundin Trudy fast zwanghaft plappert- auch die anderen Gäste im Freienhaus sind nicht gerade eine Erholung. Der penetrante Buck (Martin Skoda) ist sexsüchtig, der sensible Keith (Oleg Zhukov) hat ständig Blut an den Händen, Trudys Mutter (Regine Hochmeister) giert rücksichtslos nach männlicher Anerkennung, und ihr neuer Freund Mr. Vanislav (Günter Alt) ist Exhibitionist. Die einzig Normale in dieser Chaostruppe: Betty (Verena Bukal). Nach eindreiviertel Stunden ist „Bettys Sommerfrische“ vorbei und der Zuschauer ist mit Kindesmißbrauch und Vergewaltigung konfrontiert worden, dazu mit sexuellen Störungen, Alkoholmißbrauch, mit je zwei abgeschnittenen Köpfen und Penissen. Wahnsinn? Unerträglich? Sicher, aber auch nicht schlimmer als das, was man in 90 Minuten im TV- Vormittagsprogrammsehen kann, so die These des amerikanischen Dramatikers Christopher Durang. Sein Stück ist überspitzter Fernsehalltag mit Typen statt Figuren, ohne wirkliche Handlung oder Entwicklung. Anfangs, wenn Betty und Trudy (Imke Trommler) auf dem Sofa sitzen und die anderen schrulligen Gäste eintrudeln, wähnt man sich in einer Sitcom. Dann in einer Talkshow, wenn Trudys Mutter küchenpsychologisierend ihre mißratene Familie vorstellt. Schließlich landet man bei „Big Brother“, denn die sechs Ferienhaus-Bewohner werden von „Stimmen“ aus dem Off ferngesteuert. Zunächst bleibt es bei eingestreutem Gelächter, später aber küren die Stimmen Publikumslieblinge und stellen Forderungen: “Wir wollen eine neue Szene sehen! Unterhaltet uns!“ Die Perversitäten im Fernsehen mit den eigenen Methoden bloßstellen- keine besonders originelle Idee. Schließlich gibt es kaum etwas, das von der Medienkritik so oft und so bissig kommentiert wurde wie jene Shows, in denen geplappert, geheiratet, verziehen und gerichtet wird. Daß das 1998 entstandene Stück dennoch seine Berechtigung, zumindest seine Wirkung hat, zeigte sich am Ende, als verhaltener, mehr höflicher Applaus dem Ensemble und der Regie (Christina Böckler) galt. Denn das Stück stellt nicht die Produzenten an den Pranger, sondern das Publikum, das nach mehr, immer mehr Geplapper, Action, Perversitäten, Dramatik verlangt. Ein beliebig manipulierbares Publikum, das sich angesichts einer Vergewaltigung zunächst schockiert zeigt, das sich aber schnell an die zunehmende Brutalität gewöhnt und schon bald auch über Mord lacht. Eine recht einseitige Schuldzuweisung, die nicht jedem gefiel. Die Inszenierung der jungen Regisseurin stellt das Verschwimmen zwischen medialer und sozialer Realität in schönen Bildern heraus. Die allesamt großartig spielenden Akteure bewegen sich auf schwankendem, wabbeligem Boden (Bühne: Gesine Kuhn); zwischen den Szenen bewegen sie sich wie die Fische in den Aquarien hinter ihnen: ruhig, ausgeglichen- und endlich, endlich stumm. ( Pia Netz- Westfälischer Anzeiger)

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