Aufgeblasenem Fiesling geht die Luft aus
Nicht erst nach dem letzen Akt, als die zahlreich erschienenen Kinder ihrer Begeisterung lautstark Luft machten, war klar: Diese Inszenierung ist ein Hit. Und dabei ist das Thema gar nicht ohne. Um kindliche Ängste geht es. Daß man dieses Thema aber nicht tonnenschwer angehen muß, sondern in einer sowohl spannenden als auch witzigen Geschichte verpacken kann, hat der in Jordanien geborene Autor Hartmut El Kurdi mit seinem panischen Kammerspiel "Angstmän" bewiesen. Comic und Comedy gehen hier eine unnachahmliche Synthese ein, und was dabei herauskommt, ist Kindertheater vom Feinsten.
Gestern hatte das Stück in der Inszenierung von Christina Böckler Premiere im Kleinen Haus der städtischen Bühnen Münster. Und nicht nur die Kinder waren begeistert. Hier stimmte einfach alles, angefangen vom Bühnenbild (Jens Terlinden), einer Mischung aus trautem Heim und Furcht einflößender Höhle, der effektvollen Musik (Kai Niggemann) über die wundervollen Kostüme (Victoria Seute) –selten waren Superhelden passender angezogen- bishin zur phantastischen Besetzung.
Die Geschichte: Wieder einmal ist Jennifer allein zu Hause. Versehen mit Leberwurstbroten, die Jenny nicht wirklich begeistern, und der Standarttröstung "Du brauchst keine Angst zu haben, du bist doch schon ein großes Mädchen" muß das Kind die Nacht alleine überstehen. Eine wundervolle Gelegenheit, alle die Dinge zu tun, die Mama sonst immer verbietet. Pizza bestellen, mit Schuhen auf dem Sofa herumspringen und alle Elektrogräte einschalten, bis die Sicherung herausfliegt. Herrlich, aber als es dann tatsächlich dunkel wird, kommt die Angst. Da scheint es sicherer, gleich im Schrak zu schlafen. Der aber ist schon besetzt. In ihm kauert der überaus ängstliche Superheld "Angstmän". In ein vollständig albernes Supermankostüm gezwängt, macht der Held von der traurigen Gestalt eine erbärmliche Figur. Er ist der größte "Schisser" des Universums und auf der Flucht vor seinem schrecklichen Widersacher "Pöbelmän". Da ist tatsächlich einer, der noch mehr Angst als Jenny, und als später mit der bestellten Pizza auch das Grauen in Gestalt von Pöbelmän auftaucht, erweist sich das Mädchen viel mutiger, als es sich das selbst zugetraut hatte. Ihr gelingt das Kunststück, den widerlichen Fiesling zu entzaubern und in ihm die bejammernswerte Gestalt zu sehen, die er in Wirklichkeit ist.
Zum Schluß werden die beiden einstigen Supergegner Freunde, und Jenny wird einige Probleme bekommen, die totalramponierte Wohnung ihrer Mutter zu erklären. Caroline Wirth ist eine wundervolle Jenny, der die Wechsel von Überschwang zu Angst und wieder zurück zum Mut der Verzweiflung ebenso überzeugend gelingen wie Johannes Paul Kindler die Verkörperung des spindeldürren Angstmän. Der bis zur Unkenntlichkeit aufgeblasene Thomas Schweins genießt sichtlich die Unverschämtheiten, die er sich als Pöbelmän leisten darf und komplettiert mit ausdrucksstarkem Spiel das hervorragende Ensemble. (Stefan Herkenrath; Westfälische Nachrichten)

Horrornacht mit Pöbelmän
- Städtische Bühnen Münster machen Kindern mit El Kurdis "Angstmän" Mut-
Ein Knips am Lichtschalter hat verhängnisvolle Folgen. Über die Wände zucken groteske Schatten, aus der Dunkelheit knackt es. Und unter dem Bett...regt sich da nicht etwas? - Monster! Die neunjährige Jennifer verzieht sich an den einzig sicheren Ort: "Ich schlafe heute Nacht im Schrank!" Aber als sie die Tür aufreißt, gellt ihr ein kreischender Schrei entgegen: "Angstmän" (der größte Schißhase des Universums) sitzt zwischen den Kleidern, um sich vor seinem Feind Pöbelmän zu verstecken. Das Kinderstück von Hartmut El Kurdi, dessen Premiere am Dienstag in Münsters Kleinem Haus von Groß und Klein bejubelt wurde, packt das lähmende Gefühl an der Wurzel, um es dann herauszureißen und verpuffen zu lassen. Regisseurin Christina Böckler inszeniert das "panische Kammerspiel" im "Kopf", dort, wo die Angst entsteht. Ein Gewölbe wie ein Schädel überspannt das Wohnzimmer (Bühne: Jens Terlinden), in dem das Mädchen sich die Nacht um die Ohren schlägt. Nachdem sie ihre Liste "Dinge, die ich schon immer tun wollte, aber die Mama verbietet" abgearbeitet und damit gekrönt hat, sich Horrorfilme reinzuziehen, versucht Jennifer zu schlafen. Keine Chance. Der mißglückte Superheld "Angstmän" (Johannes Paul Kindler), der aus der Garderobe stolpert, macht alles nur noch schlimmer. Daß er in der Superheldenschule dreimal sitzengeblieben ist, steht ihm quasi auf die behelmten Stirn geschrieben. Als dürrer Superman-Verschnitt stakst Kindler in kompletter Skateboard-Schutzausrüstung über die Bühne und malt sich verdrehte Horrorszenarien aus. Carolin Wirth spielt die Neunjährige glaubhaft keck, nicht kindisch. Das junge Publikum spürt ihrer Panik nach und zittert mit in Sorge um den zarten Angstmän. Einige springen vor Schreck von den Stühlen und retten sich auf Mutters Schoß, als der garstige Pöbelmän (Thomas Schweins) sich wie eine Krake durch die Tür schiebt. Der Fiesling rabaukt im Rocker-Outfit durch das Wohnzimmer und läßt die beiden Hilflosen leiden: "Es ist schlimm, wenn ich singe, doch warte erst mal bis ich tanze!" Als der zum Fettwanst Ausstaffierte poschüttelnd über die Bühne wabbelt, lachen ihn auch die kleinsten Angsthäschen aus. Da liegt des Bösen wunder Punkt. Jennifermän wagt ihn als "fette Mettwurst" zu beschimpfen. Da heult der große Pöbelmän und entpuppt sich als armes Würstchen. Die Angst ist enttarnt. Das Tuch ( die Schädeldecke) fällt vom Kopfgewölbe und die panischen Geister verflüchtigen sich in einem Hollywood-reifen Spezialeffekt. "Das habe ich mir nicht ausgedacht, das ist wirklich passiert!" murmelt Jennifer beim Einschlafen- und auch die kleinen Zuschauer wissen jetzt, wie man sich der Angst stellt. (Ines Vogel; Münsteraner Zeitung)